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Christoph Keller
ALAMOR DREI TAGE
Roman
Limmat Verlag
Zürich
317 S.
Fr. 38.
«Sehr lesenswerter, unterhaltsamer Roman» Schweizerischer Bibliotheksdienst
«Alamor drei Tage ist filmreif. Christoph Keller formt aus Historie und Fantasie einen unterhaltsamen Auswandererroman von südamerikanischer Verve.» Buchjournal
TEXTPROBE
Die Guardia Civil fand das Fluchtfahrzeug in der Nähe der Ortschaft Alamor.
Ein blauer Ford Custom mit Zierleisten, Nebelscheinwerfern und militärischen Kennzeichen, er stand unabgeschlossen und mit offenen Fenstern am Ufer des Rio Chira, am Rande einer sandigen Strasse, nur halbwegs versteckt in einem Dickicht von Schilf und dünnen Bambusstauden, die Beifahrertüre geöffnet. So war es festgehalten worden im Protokoll der beiden Beamten der Guardia Civil, fehlerhaft und vielleicht darum so anschaulich verfasst von den Sergentes Salvador Juzpe und Pedro Ayala, die schrieben, «der Steuernde des Ford und möglicherweise ein Nebenfahrer» hätten sich «allem Anschein nach» durch den Fluss und über die Grenze nach Ecuador «hinübergemacht», und das Protokoll bemerkte weiter, der Ford Custom gehöre zum Fahrzeugpark des Innenministeriums und sei zuletzt von General Francisco Gagliano de Mendoza gefahren worden, dem «runtergesetzten Minister vom Inneren».
Ich hatte ein Bild vor mir, umittelbar.
Noch bevor ich aufstand und begann, in meinem mehrfach geschichte-ten, zusammengewürfelten Archiv nach dem Protokoll zu suchen, fielen mir die unbeholfenen Beschreibungen von Juzpe und Ayala wieder ein dass man im weiteren kein einziges Gepäckstück gefunden habe, weder im Koffer-raum noch in der «Fahrerzeugkabine», und überhaupt sei es schwierig gewe-sen, schrieben die beiden Guardia Civil, im Dickicht rund um den Fundort noch irgendwelche Fussspuren auszumachen, weil der Wind, der in jenen Ta-gen «besonders fest» über das Departement Tumbes hinweggefegt sei, den Sand am Ufer des Rio Chira «weit vertrieben» habe. Einziger brauchbarer Fundgegenstand sei ein halb unter der «Fussenmatte» des Beifahrersitzes ver-steckter, mehrfach zusammengefalteter Fahrausweis, ausgestellt auf eine weibliche Person ausländischer Herkunft, deren Identität noch zu überprüfen sei, um so mehr, als nicht anzunehmen sei, dass «diese Ausländerin auch tat-sächlich in diesen turbulentösen Tagen mit einem General ausgefahren ist», schrieben die sergentes Juzpe und Ayala von der comisaría der Guardia Civil Alamor am 7. Oktober 1968 in diesem Bericht, den ich nach langer Suche endlich in Händen hielt, an dem Tag, an dem dieser Brief eintraf, in meinem Arbeitszimmer, meinem Turmzimmer, hoch oben über Barranco.
Kein Hinweis darauf, wie dieses Dossier zu mir gelangt sein könnte, und auch kein Verweis darauf, dass es weitergeführt worden wäre.
Während ich auf und ab ging zwischen den Regalen, die vergilbten Seiten wieder las, ging mir durch den Kopf, dass es damals, nur vier Tage nach den Ereignissen, nach jenen turbulenten Tagen im Oktober 1968, im Norden unseres Landes an einsatzfähigen Beamten gefehlt haben muss. Die Angehörigen der Guardia Civil waren mit anderen Aufgaben beschäftigt, als darüber zu rätseln, warum ein blauer Ford des Innenministeriums, zwar staubig und verdreckt, ansonsten aber in tadellosem Zustand, mit offenen Türen an einem Grenzfluss in der Nähe der Ortschaft Alamor abgestellt worden war, von einer, möglicherweise von zwei Personen, wobei nicht einmal klar nachzuweisen war, dass der Wagen tatsächlich von seinem Besitzer, General Francisco Gagliano de Mendoza gefahren worden war. Die Guardia Civil hatten wohl Befehl erhalten, in der Grenzregion zu Ecuador nebst der Panamericana auch die Verbindungsstrasse zwischen Las Lomas und La Tina zu überwachen, einen möglichen Schleichweg für Schmuggler und Konterrevolutionäre aller Art, standen also schwer bewaffnet am Eingang jeder Ortschaft von Queretecotillo bis nach Santa Ana de Quiróz, nahmen Stellung zwischen La Peña, Poechos und La Chorrera, hielten hinter Strassensperren jedes Fahrzeug an, zerpflückten die Ladung der Lastwagen und Überlandbusse, stellten die Passagiere an die Wand, Beine gespreizt, Frauen und Männer gleichermassen, und die Suche nach ausländischem Propagandamaterial erfolgte mit gezielten, schamlosen Griffen. Und weiter im Westen, zum Meer hin, standen die Angehörigen des Heeres in höchster Alarmbereitschaft, hielten ihre Stellungen mit grimmigem Ernst, in jeder grösseren Stadt von Chiclayo über Piura bis hinauf nach Tumbes das gleiche Bild die Plaza de Armas, der Hauptplatz und das Herzstück der Stadt, besetzt von Truppen hinter Sandsäcken, Uniformierte mit schlecht sitzenden Helmen lagen gekrümmt hinter Maschinengewehren, den Finger am Abzug.
Die Erinnerungen, auf einen Schlag waren sie wieder da.
Der Geheimdienst, die Seguridad deren eine Fraktion war zu diesem Zeitpunkt gerade damit beschäftigt, die andere Seite von den Elementen des früheren Regimes zu säubern, und was an verfügbaren Kräften noch übrig blieb, wurde teils eingesetzt, um die diplomatischen Vertretungen in der Hauptstadt mehr oder weniger diskret zu observieren, während der Kern der regimetreuen Seguridad die Verhaftung aller Studentenführer auf der soge-nannten «schwarzen Liste» an die Hand nahm, was dermassen aufwändig war, dass kaum noch Beamte für die Arrestierung der noch frei herumlaufenden Funktionäre politischer Parteien übrig blieben, Umstände, die im Dokument von Juzpe und Ayala nicht erwähnt waren. Verschwiegen wurde auch, dass vier Beamte des Innenministeriums, die man Tage zuvor für die Überwachung von General Francisco Gagliano de Mendoza aufgeboten hatte, unter unbekannten Umständen mit ihrem Chevy etwa hundertfünfzig Kilometer nördlich der Hauptstadt auf einer staubigen Nebenstrasse in einem Strassengraben gelandet waren, hinter einer kleinen Geländekuppe und offenbar nach einem spektakulären Dreher in der Luft.
Es war die Zeit, als die Presse, mit scharfen Zensurvorschriften belegt, sich eifrig darum bemühte, das Drehbuch jener Tage unmittelbar nach der Machtübernahme mehr oder weniger realistisch abzubilden. Die Journalistin-nen und Journalisten von LA PRENSA und EL COMERCIO und der anderen Blätter, die unter Vorbehalt noch erscheinen durften, arbeiteten Tag und Nacht im Rhythmus der Ereignisse, erschöpft, verängstigt, in Sorge um ihre verhafteten Kollegen, die irgendwo auf einer comisaría festgehalten wurden, oder, wer weiss, vielleicht schon auf der Gefangeneninsel von El Frontón gelandet waren, in Sichtweite von Callao und doch unerreichbar weit weg. Jedenfalls waren die Zeiten vorbei, als man wegen des stehen gebliebenen Fords des ehemaligen Innenministers und Generals einen Reporter in den Norden des Landes geschickt hätte, um dann unter dem gross aufgemachten Bild der Flusslandschaft genüsslich über die angebliche Romanze eines Generals und Ministers mit einer offenbar bekannten Ausländerin spekulieren zu können. Überhaupt dachte niemand daran, Klatschkolumnen schreiben zu wollen man wurde in Atem gehalten von einer Kaskade immer neuer Communiqués, gezeichnet einmal vom Oberbefehlshaber der Armee und Chef der Junta, ein andermal von einem Minister, dessen Portefeuille so ungewohnt und neu war, dass keiner sich etwas darunter vorstellen konnte, und auch das Schicksal des abgesetzten Staatspräsidenten beschäftigte die Nation, der Abgang des «Grossen Architekten», der nach in Buenos Aires ausgeflogen worden war, mitten in der Nacht und im Bademantel, eine Schmach für den Präsidenten der peruanischen Republik, den förmlichen, manchmal auch arrogant wirkenden Herrn, der stets besonderen Wert auf gepflegte Umgangsformen gelegt hatte.
Es war eine Zeit, in der sich für viele die Koordinaten eines ganzen Le-bens verschoben.
Gut eingespielte Beziehungen, funktionierende Seilschaften alter Schul-kameraden, langjährige Freundschaften und Mitgliedschaften in Clubs, in Handelskammern oder in geheimen Logen insgesamt waren die sorgfältig gesponnenen Sicherheiten für ein sorgloses Dasein über Nacht in Frage ge-stellt, und die gesamte Oberschicht des Landes zitterte um ihre Existenz. Be-sonders schlimm hatte es diejenigen getroffen, die lange schon das Gespenst einer «proletarischen Machtübernahme» an die Wand gemalt hatten, denn ih-nen kam das alles vor wie ein Alptraum, der Wirklichkeit wurde sie fürchteten sich von allen am meisten davor, gelyncht zu werden, verbarrikadierten sich, die Pistole in der Hand hinter heruntergelassenen Jalousien, in ihren Villen und Palästen. Andere verfielen in eine Lethargie oder verharrten in einem Schockzustand, liessen sich von den Bediensteten am Telefon verleugnen, hielten nur noch mit den engsten Familienangehörigen den Kontakt aufrecht und beteten zum Señor de los Milagros. Wenige nur brachten die Kraft auf, Frau und Kinder in den schweren Amerikanerwagen zu laden, und auf abenteuerliche Weise ausser Landes zu flüchten, ein paar versuchten es über die Cordillera und hinunter an den Amazonas und weiter bis an die Grenze zu Brasilien. Sensitive Gemüter mit einem Hang zur Dramatisierung sahen eine Kette von Verfahren wegen Korruption, Devisenschmuggel und illegalen Waffenhandels auf sich zu kommen, sie fürchteten die Abhaltung von Schauprozessen, wie man sie aus dem Ausland kannte, sie setzten wohl formulierte Ab-schiedsbriefe an ihre Gattinnen und an die Familie auf und stürzten sich am hellen Tag beim Malecón von den Klippen.
Niemand entging in jenen Tagen des Oktobers 1968 dem, was im Lande geschah, und auch meine Existenz wurde damals nachhaltig beschädigt.
Sie beruhte, um es auf eine kurze Formel zu bringen, auf dem Handel mit präinkaischer Keramik, deren Herstellung ich selber an die Hand nahm Fälschungen mit einem Wort. Meine Ausbildung als Archäologe, vor allem meine Stellung als Konservator am örtlichen Museo de Oro versetzten mich in die glückliche Lage, sämtliche Stilrichtungen, alle Brenn- und Maltechniken, aber auch die gesamte Ornamentik der präinkaischen Keramikkunst unseres Landes bis ins kleinste Detail und an den besten Exemplaren täglich studieren und verstehen zu können. Jede Farbgebung auf einer Schale der Nazca konnte ich nachempfinden, das warme Rot, das eierschalene Weiss, ich hätte ganze Aufsätze schreiben können über die Zahnstellung bei den Fratzen der Chimú, auch die besondere, sich verjüngende Seitenwandstruktur der schlichten Schalen der Tiahuanaco war mir vertraut ich hätte die Struktur einer tönernen Flasche aus Lambayeque blind ertasten und die geometrischen Zeichen der Keramik aus Huari in allen Farbabstufungen auswendig zeichnen können, es gab nichts in der Welt der präinkaischen Keramik, das ich nicht bis ins Innerste verstanden hätte.
Und ich wusste auch, wie begehrt diese Objekte waren, denn ich sah je-den Tag die glänzenden Augen der Besucher im Museo de Oro.
Die begehrlichen Augen der Sammler, der interessierten Touristen, der Kulturreisenden ich konnte darin lesen. Aber vor allem interessierte mich ein bestimmter Typus der Ausländerin, gringas, in der Regel aus Europa oder aus den USA stammend, die sich in unser Museum verirrt hatten, aus Lange-weile, oder weil sie irgendwelche Besucher mit den Schätzen unseres Landes bekannt machen wollte gringas, die ihre Zeit üblicherweise damit verbrach-ten, Bridge oder Tennis zu spielen, sie verbummelten ihre Nachmittage in den Boutiquen an der Avenida Larco, stürzten sich dann in die Abendtoilette, um ihren Mann an einen der unzähligen Cocktails, Nachtessen, Empfänge zu begleiten. Diese Frauen, stellte ich fest, gab es zu Hunderten, zu Tausenden gar Frauen als Begleiterinnen ihres Mannes, die in ihrem peruanischen Exil lebten, gefangen in einem Dasein, in dem sich so wenig ereignete, dass sie ständig vor sich selber auf der Hut sein mussten. Nur allzu leicht war ihnen anzusehen, wenn sie vor den Vitrinen unseres Museums standen, einen fein ziselierten Topf der Moche betrachteten, dass sie nichts sehnlicher wünschten, als sich auch etwas aneignen zu können von diesem Land, für das sich ihre Gatten in ganz unterschiedlichen Positionen «abplagten», wie sie sagten Männer als Entwicklungshelfer, engagiert bei der Aufzucht von Schweizer Braunvieh in einer Zuchtstation hoch oben in den Anden, Männer als Consultants mit dem Aufbau einer Industrie weit draussen in einer staubigen, am Rande der Wüste gelegenen Industriezone, Männer als Lehrer an einer Privatschule, davon beseelt, den Kindern der peruanischen Oberschicht eine gute Portion europäischer Bildung zu verabreichen, Männer als Direktoren einer Firma, die mit der ausgesprochen konjunkturabhängigen Protektion bestimmter, durchaus der Korruption zugeneigter Amtsstellen, rechnen konnten. Er war ihnen anzuse-hen, buchstäblich, dieser Zustand unerträglicher Langeweile, sie war so aus-greifend und so umfassend, diese Langeweile, dass jede noch so geringfügige Aufregung willkommen war und das war gewissermassen mein Kapital.
Ich war der Mann, der abends vorbeikam, mit einem Bündel unter dem Arm, darin eingewickelt ein Sortiment von Töpfen aus Huari, aus Tiahuanaco oder aus Lambayeque, manchmal eine kleine Stele der Chavín, immer wieder einen Fetzen angeblich uralten Stoffs mit Farben, die im Wüstensand vermeintlich konserviert worden waren. Im Dämmerlicht stand ich an der Haustür und wusste, dass die Ehemänner noch zurückgehalten wurden auf irgendeiner Sitzung, oder sie hatten sich im Büro hinter Bergen von Akten verschanzt, waren vielleicht irgendwo auf dem Altiplano stecken geblieben hinter einem Erdrutsch, oder wegen eines Streiks des Bodenpersonals noch nicht zurückgekehrt von einer Jahrestagung im benachbarten Ecuador oder in Bolivien oder wo auch immer.
Wenn ich kam, bekamen ihre Gattinnen rote Ohren und zogen die Gardinen Angel Andrade, der seinen Auftritt hatte als Grabräuber, als einer, der nachts ganze Gräberfelder plünderte und im Schatten uralter Gemäuer das jahrhundertealte Kunsthandwerk von unschätzbarem Wert hob und der immer wieder durchblicken liess, dass er gefährliche und weit verzweigte Verbindungen zu illegalen Kunsthändlern im ganzen Land habe.
Die Frauen der ausländischen Direktoren, technischen Berater, der Do-zenten und Autoimporteure sie ahnten nicht, dass ich mir in Jahren inten-siven Studiums sämtliche Techniken der Formgebung, der Bemalung, des Brennens, aber auch der Verwitterung, der «Abnützung» beigebracht hatte, mitsamt der Fähigkeit, auch eigentümliche Fehler oder Unachtsamkeiten auf den Töpfen zu reproduzieren. Sie wussten nicht, dass ich auch das Fälschen von alten, angeblich über 1000 Jahre alten Stoffen beherrschte, nicht nur das Weben an sich, also die verschiedenen Webtechniken, sondern auch das ganze Verfahren der Verwitterung, der leichten Zersetzung der Stoffe, eine Wissenschaft für sich. Nicht eine meiner gringas hätte sich vorstellen können, dass der Grabräuber Angel Andrade in Tat und Wahrheit jeden Abend zu seiner kleinen Manufaktur hinausfuhr, nach San Martin de Porres, einem ärmlichen Quartier mit unverputzten, ständig unfertigen Häusern, dass der ach so gefährliche Andrade draussen in San Martin de Porres Abend für Abend im Schein einer Petroleumlampe und hinter verschlossenen Fensterläden still und leise seinem Kunsthandwerk nachging.
Bei alledem entwickelte ich im Verlauf der Jahre einen Ehrgeiz, der mich heute, während ich diese Zeilen schreibe, verwundert und auch ein wenig erschreckt.
Nichts freute mich so sehr wie der Ankauf von drei Chavín-Stelen aus meiner Produktion durch das Museum, in dem ich selber arbeitete ein Kol-lege aus meiner Abteilung betreute das Geschäft, und ich hielt mich sorgsam zurück, beobachtete still, wie das ganze Verfahren der Begutachtung, der Echtheitbestimmung vor sich ging. Die drei Stücke wurden schliesslich an prominenter Stelle in der Eingangshalle ausgestellt, wurden nicht nur von den Touristen bewundert, die das Museo de Oro in ihrem Reiseprogramm hatten, sondern auch von international renommierten Archäologen, für die unsere Ausstellung ein Referenzpunkt allererster Güte war. Mit einiger Genugtuung erfuhr ich später, dass meine Fälschungen über Umwege auf Auktionen von Sotheby's gelangt waren, sie wurden von kundigen Sammlern erworben und (so stellte ich mir zu meiner Belustigung vor) in ausladenden Entrées oder weitläufigen Wohnzimmern mit breiten Glasfronten ausgestellt, irgendwo in Beverly Hills oder am Central Park oder an den Champs Elysées.
Moralische Skrupel kannte ich nicht, mein Geschäft verdarb den wahren Raubgräbern das Geschäft, diesen Burschen, die nachts die wertvollen Gräberfelder plünderten und ein unglaubliches Ausmass an Zerstörung hinterliessen sie kassierten ihr schmutziges Geld auf dem Schwarzmarkt, und die Stätten blieben für die Forschung auf immer unbrauchbar, ein Skandal. So gesehen war meine kleine nebenamtliche Tätigkeit durchaus ein persönlicher Beitrag zum Erhalt des kulturellen Erbes meiner Heimat, vor allem aber, und das soll nicht unerwähnt bleiben, erlaubte sie mir, meiner Tochter Ina das Medizinstudium an einer amerikanischen Universität zu finanzieren. Nichts sollte die Echtheit meiner huacos in Zweifel ziehen können, also erzählte ich den gringas Geschichten über Geschichten, einmal über die abenteuerliche Herkunft der Töpfe in meinem Bündel, ein andermal über die bevorstehende Verschärfung der Gesetze zur Wahrung des kulturellen Erbes, oder ich gab Geschichten zum Besten von Kollegen am Museum, die sich beim Verkauf einiger kostbarer gol-dener tumis schamlos bereichert hätten damit sollten meine Kundinnen den Eindruck gewinnen, sie würden die Kunstwerke durch ihren Ankauf vor dem Zugriff der hierzulande nichts als korrupten Archäologen, Konservatoren und Mittelsmänner bewahren.
Und nun dieser Brief, «die Ihnen bekannte Barbara Kaltbrunner betref-fend».
Barbara Kaltbrunner war über Jahre hinweg meine beste Kundin gewe-sen, und meine schwierigste zugleich.
Noch heute sehe ich sie vor mir, wie sie auf dem rostroten Sofa im Wohn-zimmer ihrer einstöckigen Villa sass, die Beine übereinandergeschlagen, wie sie darauf wartete, bis ich mein Bündel ausgepackt hatte auf dem Boden vor ihr, und dann hielt sie den huaco mit beiden Händen vor sich, drehte den Topf andächtig, sagte lange kein Wort, aber dann begann sie sofort um den Preis zu feilschen, mit grossem Ernst, in ihrem seltsamen Spanisch. Ich erinne-re mich, dass sie stets auf einem absolut unmöglich tiefen Preis beharrte die huacos in ihrer Hand sollten, einer um den anderen, eine eigene, unverwechselbare Geschichte kriegen, sie sollten sich (so stellte ich mir das vor) offenbar durch die langwierigen Verhandlungen über ihren Marktwert in einzigartige, mit einem eigenen Schicksal behaftete Objekte verwandeln, den Gräbern und dem Vergessen entrissen, und nach langem Feilschen und Streiten diesem Grabräuber namens Andrade entwunden. Dann hielt sie das endlich erworbene Stück wie eine Trophäe in der Hand, aber kein Wort hätte sie darüber hinaus gesagt, sondern die Señora Kaltbrunner stand jeweils auf, wenn der Handel abgeschlossen war und wies mich barsch an, ich könne nun gehen. Nie hat sie mir die Hand gereicht Barbara Kaltbrunner, die mich stets nur als den huaquero bezeichnete, als «Den-der-nach-Töpfen-gräbt».
Später erst und über Umwege erfuhr ich, dass sie immer wieder unter-wegs war, auf Streifzügen durch zerfallene Tempelstädte rund um Lima, als Scherbensammlerin. Ich hörte, dass sie mit Schaufel und Kratzer stundenlang im Sand graben konnte, auf der Suche nach Scherben, Stofffetzen, Resten von Werkzeugen, und sie vergass alles um sie herum zum Beispiel, dass sie mit den Kindern am nahe gelegenen Strand baden gehen wollte oder dass sie eigentlich unterwegs waren zu einem Bach, an dem die Kinder spielen konnten. Aber stets hat sie sich mir gegenüber über ihre geheime Leidenschaft ausgeschwiegen, liess nicht zu, dass ich das Gespräch zum Beispiel auf die rituelle Bedeutung der einen oder anderen Grabbeilage bei den Nazca hätte lenken können oder auf die Besonderheiten des Totenkultes der Paracas-Kultur schon beim ersten Versuch unterbrach sie mich, als ob sie einen geheimen, nur ihr zugänglichen Bezirk hüten wollte.
Das ging so eine Zeit lang. Genau erinnern kann ich mich nicht, weiss nur, dass ich den grossen Teil der Studiengelder für meine Älteste beisammen hatte, als der Militärputsch kam.
Noch am Tag, als die Panzer die Gitter des Regierungspalastes nieder-drückten, habe ich den ganzen Bestand an Töpfen, Stoffen und Stelen aus dem halbfertigen Haus in San Martin de Porres weggebracht, in eine verborgene Höhle im Valle de Santa, ich habe jedes Stück sorgfältig in die Tiefe hinuntergetragen und behutsam auf die Felsen gestellt, habe den Eingang mit grossen Steinblöcken verschlossen dort, in der modrigen Luft, hundertdreissig Meter unter der Erde, liegen meine Kunstwerke noch heute. Nie mehr habe ich seither versucht, diesen Nebenerwerb wieder in Gang zu bringen, auch später nicht, als die Putschgeneräle nach nur gerade zehn Jahren ihr Experiment einer «Peruanischen Revolution» und eines «Dritten Wegs» für immer abbrechen mussten, als erstmals wieder ein zaghafter Hauch von Demokratie durch unser Land wehte. Niemand konnte darauf hoffen, dass die alten Beziehungen wieder in Gang kommen würden, diese weit verzweigten, nützlichen Verflechtungen, die es auf wundersame Weise möglich gemacht hatten, dass bestimmte Ausländer bei ihrer Ausreise am Zoll nicht kontrolliert wurden, diese diskreten Zahlungen, die sonst so aufmerksame Nachtwächter auf den Gräberfeldern veranlasst hatten, zu bestimmten Zeiten stur in die Wüste hinauszuschauen oder in den Mond am Horizont mit alledem hatten die drakonischen Strafbestimmungen, die jeden illegalen Handel mit peruanischen Kulturgütern unter strenge Strafe stellten, ein für allemal aufgeräumt. Mein mageres Gehalt am Museum besserte ich lange schon mit Taxifahren auf, fuhr nach Feierabend mit meinem grünen Volkswagen Käfer kreuz und quer durch Lima, aber dann, kurz vor meiner Pensionierung, mit der Aussicht übrigens auf eine äusserst magere Pension, zog ich mir, als ich einem korpulenten Herrn an einer Ecke im Jirón Ucayali beim Aussteigen half, einen Bandscheibenvorfall zu, der mir seither verbietet, länger als zwei Stunden zu sitzen.
Heute bezahle ich unsere Wasserrechnung, die Miete, den Strom und auch die Versicherungen aus anderen Einkünften.
Ich schreibe.
Ich schreibe für Taufen und Beerdigungen, für Firmenanlässe und Famili-enfeste, ich schreibe Reden und Reportagen, Theaterstücke auch, man kann alles bestellen bei mir, sogar Gedichte, und, wenn es sein muss, politische Pamphlete. Meine Spezialität aber sind Nachrufe, die fertige ich an auf Be-stellung, auch von Dritten, sofern mein Auftraggeber mir die Zusicherung ge-ben kann, dass den Betreffenden innert nützlicher Frist auch das Zeitliche segnen wird (die Umstände interessieren mich nicht). Als Rosario Palma y Delgado, der greise Dandy der hiesigen Oligarchie, ein Mann mit einem Leben so bunt wie die Federn eines ausgewachsenen Ara, in seinem offenen Wagen bei Pacasmayo über die Felsen stürzte und ganz Lima sich den Mund darüber zerriss, ob seine Begleitung, die zufälligerweise ein paar Kilometer zuvor ausgestiegen war, etwas mit diesem Unfall zu tun haben könnte, oder als der angesehene Alonso Uribe y Ribero bei seinem Tod eine überschuldete, ganz und gar ruinierte Hacienda hinterliess und dazu noch mindestens sieben Maitressen in drei verschiedenen Quartieren der Hauptstadt, oder als der noch blutjunge Pablo Cáceres del Pilar, Abkömmling einer streng katholischen, im Handel mit guano reich gewordenen Familie, im Juli 1992 zwischen Paucartambo und Pumachaca von einem Drogenbaron des Konkurrenzsyndikats niedergestreckt wurde in jedem dieser Fälle verfasste ich Nachrufe, die so unscheinbar schönfärberisch, so unauffällig schmeichelhaft waren, dass mich viele noch zu Lebzeiten darum baten, über sie «auf Vorrat» doch schon mal «ein paar Zeilen zu schreiben».
Nicht einer der Aufträge, die ich über die Jahre erhielt, versetzten mich in Unruhe, nicht einer brachte mich in Verlegenheit.
Bis dieser Brief kam, im Juni vor einem Jahr.
Der Absender, mit Kugelschreiber quer an den Rand geschrieben «Alex Kaltbrunner, Dorfstrasse 44, 8863 Nietlisbach, Schweiz».
Alex Kaltbrunner, beinahe dreissig Jahre ist es her. Ein zwölfjähriger, schlaksige Junge, der stumm ins Wohnzimmer schlich, sich nur halb auf die Sofalehne setzte und uns mit grossen Augen beobachtete, die Señora und mich, inmitten der huacos und der ausgebreiteten Stoffe, verstrickt in unser wortkarges Geschäft. Das Bild, wie sich Alex Kaltbrunner als seltsam abwesen-der Beobachter zu uns gesellte und mit einem Mal ganz unscheinbar wieder verschwand Alex Kaltbrunner, der bei jeder Bewegung der Señora unmerk-lich zusammenzuckte, der ständig zur Señora hinüberlinste, um ganz sicher zu gehen, dass er das Zeichen von ihr, er solle sofort verschwinden, nicht ver-passte.
Dieses Bild hatte ich vor Augen, als ich las, er, Alex Kaltbrunner, habe nach dem Tod der Señora Kaltbrunner vor wenigen Jahren die von ihr zu-sammengetragene, ziemlich umfangreiche Sammlung an präinkaischer Kera-mik geerbt, und er trage sich mit dem Gedanken, schrieb Alex Kaltbrunner, diese Sammlung ihrem rechtmässigen Besitzer, nämlich dem peruanischen Staat, zurückzugeben. Doch bevor er diesen aufwändigen und mit viel diplo-matischem Aufwand verbundenen Schritt wage, möchte er doch die Echtheit der geerbten Stücke untersuchen lassen, denn «ohne den Nachweis der Echt-heit» sehe er absolut keine Veranlassung, das «komplizierte, endlose Prozede-re der Rückerstattung» in die Wege zu leiten, fuhr Alex Kaltbrunner fort, son-dern er würde, im Gegenteil, die Sammlung «mit gutem Gewissen behalten».
Selbstverständlich würde er nicht eine Minute zögern, schrieb Alex Kalt-brunner weiter, «Ihnen, Andrade, aufgrund Ihrer unschätzbaren Kenntnisse der inkaischen und präinkaischen Epoche den Auftrag zur Begutachtung die-ser Sammlung zu geben, wenn ich nicht einen kleinen Zweifel hätte, ob Sie diesem Auftrag gewachsen sind», denn bedauerlicherweise habe bereits ein erstes, «glaubwürdiges und mit neuester Lasertechnologie durchgeführtes Gutachten eines renommierten Archäologen» deutlich Hinweise darauf gege-ben, dass die Sammlung der Barbara Kaltbrunner samt und sonders gefälscht sein könnte, «auf hohem Niveau gefälscht zwar, aber dennoch gänzlich wert-los». Dieses Gutachten, obwohl noch nicht endgültig, schrieb Alex Kaltbrunner weiter, habe ihn dazu bewogen, von der entsprechenden Begutachtung durch mich abzusehen, denn er brauche mir wohl nicht zu erklären, wie leid es ihm täte, mich nach all den Jahren vor die Wahl zu stellen, entweder die Keramika als gefälscht zu deklarieren und so bestimmte, dunkle Machenschaften aus jener Zeit einzugestehen, oder aber die Keramik als echt zu bezeichnen und damit eine zweite Fälschung zu begehen.
Als ich weiter las, zitterten mir die Hände.
Denn nun machte der Absender unmissverständliche Andeutungen, es könnte eventuell auch zu «rechtlichen Schritten» gegen meine Person kommen zur Bekräftigung legte er die Bestimmungen des peruanischen Strafgesetzes für «Delikte gegen das nationale Erbe» in Kopie bei. Für einen Augenblick sah ich vor meinem inneren Auge tatsächlich die Umrisse eines Skandals emporwachsen, wenn herauskäme, dass Angel Andrade, von den besten Kreisen dieses Landes allseits geschätzter und verehrter Redeschreiber, Nachrufverfasser, Biograph, ausgestattet mit einer bruchlos erfolgreichen Tätigkeit am Museo de Oro, mustergültiger Vater und Ehemann, dass dieser Andrade irgendwann einmal anständige Leute mit gefälschten Tongefässen übers Ohr gehauen haben soll. Drei Spalten breite Bilder in «LA PRENSA» mit der Guardia Civil beim Ausheben meiner Höhle im Valle Santa stellte ich mir vor, vierfarbige Fotos der gefundenen Gefässe, ich sah Fotos von mir in EL COMERCIO, wie ich in Handschellen abgeführt werde, und höhnisch die Schlagzeile «STADTBEKANNTER CHRONIST VON DER VERGANGENHEIT EINGEHOLT» das alles malte ich mir einen Augenblick lang aus, bevor ich weiter las und erleichtert feststellte, dass Alex Kaltbrunner das mit den rechtlichen Schritten sozusagen im Raum stehen liess, um dann zügig zu dem zu kommen, was er als «einen Auftrag» bezeichnete.
Statt «aller Verumständungen» schlage er mir vor, schrieb Alex Kaltbrun-ner, «einen Auftrag» anzunehmen, bei dem es im Kern darum gehe, ihn von einem nagenden Zweifel zu befreien.
Denn sieben Jahre nach dem Tod der Señora möchte er, Alex Kaltbruner, endlich Klarheit erhalten zu der Frage, ob die Señora tatsächlich, wie ihm eine vage Erinnerung nahe legte, «damals, kurz nach den Ereignissen der Revolution, mit dem General, der unser Nachbar gewesen war, verschwunden ist». Falls das zutreffe, nähme es ihn wunder zu erfahren «durch welche Umstände sie sich zu dieser ungewöhnlichen Tat hat hinreissen lassen», und natürlich würde er auch in Betracht ziehen, «dass sie überhaupt nicht verreist ist, falls Ihre hoffentlich pertinenten und akkuraten Recherchen diesen Schluss nahelegen». Das Schreiben, über weite Strecken eher zurückhaltend im Ton, nahm nun einen zunehmend befehlenden Ton an diese Fragen zu klären sei ich deshalb in besonderem Mass befähigt, fuhr Alex Kaltbrunner fort, weil ich die Señora bei «einer ihrer glühendsten Leidenschaften» kennengelernt habe, nämlich bei ihrer «Sammlerwut», und dies versetze mich in die Lage, ihre Handlungen «wie kein anderer einschätzen und begreifen zu können», einmal abgesehen davon, dass ich «als stadtbekannter Geschichtenerzähler über wei-testgehende Erfahrung bei der narrativen Bewältigung fremder Schicksale» verfüge.
Aber nicht allein darum soll es in meinem Bericht gehen, schrieb Alex Kaltbrunner weiter, nicht nur um die Erhebung der nüchternen Fakten an sich, sondern vor allem sei er daran interessiert zu wissen, ob die Señora «in jenen Tagen, damals, nach der Revolution von 1968, als sie nach meiner Erin-nerung urplötzlich verschwand, eventuell so etwas wie glücklich gewesen ist, wenigstens unbeschwert und leicht, oder zumindest etwas ausgelassen für ein paar Stunden». Diese Unsicherheit treibe ihn um, und es sei nun an mir, in dieser «Angelegenheit» für ihn endlich Gewissheit herzustellen, nur notfalls «durch die Kunst des Fabulierens, in der Form einer nachgebesserten Erzäh-lung» für ein Mal, betonte Alex Kaltbrunner, soll ich meinen Drang zum Schwadronieren und Erfinden «weitestgehend» zügeln, soll ich mich «so weit wie möglich» zurückhalten bei meinem Hang zur Fälschung und Verfremdung.
Er erwarte von mir einen umfassenden Bericht, «abzuliefern in drei Mo-naten», und wie wenn alles bereits besiegelt wäre, lag dem Schreiben ein Check bei mit dem Vermerk «erste Rate».
Die war so hoch, dass mir die Augen feucht wurden.
Lange sass ich da, in meinem Turmzimmer hoch über Barranco, den Brief in der einen Hand, den Check in der anderen,.
Ich schaute hinaus, zwei Stunden und mehr, überblickte den Bogen des Malecón von Chorrillos bis hinunter nach Callao, die verschwenderisch weit gezogene Küstenlinie unserer Stadt, blickte den Öltankern nach, wie sie träge die Landzunge von La Punta umrundeten, auch den Fischerbooten, die den Schwärmen von Bacalaos nachjagten, immer wieder liess ich die Zeilen aus dem Brief auf mich wirken, nicht zuletzt, und das gestehe ich ohne weiteres, betrachtete ich mehrmals die ansehnliche Zahl auf dem beigelegten Check, der laut dem Postscriptum als erste Anzahlung gedacht war, wandte meinen Blick wieder den Wellenreitern zu, die sich unten am Strand tummelten, Ausschau hielten nach den höchsten Wellen und dann hinauspaddelten, um sich zurücktragen zu lassen, immer hin und her, und während ich hinausschaute, traten die Erinnerungen an die Oberfläche, wie aufsteigende Quallen oder bei Ebbe die untiefen Stellen, schoben sich vor das Bild der torkelnden Möwen im schroffen Aufwind vor meinem Fenster, dahinter silberne Flugzeuge, die über dem Morro Solar auf ihre Anflugroute einschwenkten, hinter der Escuela Militar zwischen den Häusern abtauchen ich liess meinen Blick lange auf dem Meer ruhen, auf dem tiefblauen, dann grüngrauen, aber immer unendlichen Pazifischen Ozean, und bevor ich mich fragen konnte, ob mich auch die Möglichkeit reizte, anhand dieses Auftrags die eine oder andere spezifisch historische Frage zu klären (denn das gehört zu meinem Fachgebiet), bevor ich mir überhaupt Gedanken machen konnte über den seltsamen Pakt, den ich mit diesem Alex Kaltbrunner eingehen würde, noch ehe ich mich nochmals über den diesen Passus beugte «bitte insbesondere klären, ob und unter welchen Umständen Barbara Kaltbrunner irgendwann einmal glücklich gewesen sein mochte», da hatte sich die Señora bereits in meinem Kopf festgesetzt.
Wie damals, vor vielen Jahren, als wir alle zitterten vor ihr, als wir zu-sammenfuhren, wenn sie auftauchte, als wir uns herumkommandieren liessen von ihr, als wir uns fürchteten vor ihren Ausbrüchen, als sie über uns herrschte jeden Tag.
Die Señora.
Soll er also seine Geschichte haben, mein Auftraggeber.
www.limmatverlag.ch
Publikationen, eine Auswahl
1995 Der Schädelvermesser. Otto Schlaginhaufen, Anthropologe und Rassenhygieniker, eine historische Reportage, Limmat Verlag, Zürich.
1996 Schichtwechsel. Eine experimentelle Reportage über das Arbeitsleben in der Schweiz (mit Thomas Göttin u.a.), rotpunktverlag, Zürich.
1998 Ob es den reinrassigen Schweizer gebe, in: Die Erfindung der Schweiz 1848-1998, Ausstellungskatalog, Zürich.
1999 Der Tod - ein Fall für die Akademie, in: Last minute. Ein Buch zum Sterben und Tod, Stapferhaus Lenzburg.
2003 Building Bodies. Der Mensch im biotechnischen Zeitalter, Limmat Verlag, Zürich
2004 Wir Cyborgs (Leitartikel) in: Body Extensions, Ausstellungskatalog des Museums Bellerive, Zürich
2005 Die Neverager kommen (Leitartikel), in: Ganz schön alt, Ausstellungskatalog Museum.BL, Liestal
2006 Sieben Schädel und eine Theorie. Die anthropologischen Forschungen Carl Passavants, in: Jürg Schneider, Ute Röschenthaler, Bernard Gardi (Hrsg.) Fotofieber, Bilder aus West- und Zentralafrika - die Reisen von Carl Passavant 1883-1885, Basel
ALTER IST HEILBAR, ODER: DIE NEVERAGER KOMMEN
EINE IRRITATION Wenn einer über vierzig ist, und sich die Falten um die Augen nicht mehr erklären lassen mit einer kleinen Eskapade am Vorabend, wenn sich am Bauch eine kleine Wölbung mit dem schönen Namen Embonpoint hervortut, und beim morgendlichen Jogging macht sich ab und an eine leichte Kurzatmigkeit bemerkbar, wenn die Sehschärfe nachlässt und die Spannkraft am Po, wenn sich die grauen Haare überall durchsetzen, nicht nur am Kopf dann ist der Zeitpunkt gekommen für einen Gang in die Buchhandlung, für den vielleicht etwas verlegenen Besuch der Abteilung «Gesundheit». Dort stehen sie, die Ratgeber, zu Dutzenden mit Titeln wie «Älter werde ich später» oder «Den Alterungsprozess umkehren» oder «Gewöhnen Sie sich das Altern ab!» oder «Auch Sie können wieder jünger werden» .
Jünger werden?
Der Gang zur Kasse ist ein schwieriger, weil man im Augenblick der Bezahlung dem prüfenden Blick der Verkäuferin standhalten muss, dieser stummen Frage, ob derjenige, der da vor ihr steht, dieses Buch auch tatsächlich nötig hat, den Bestseller von Deepak Chopra mit dem Titel «Der Jugendfaktor das Zehn-Stufen-Programm gegen das Altern». Das Buch, beinahe schon ein Klassiker, geschrieben von indischstämmigen Guru an der amerikanischen Westküste, geht einen Schritt weiter als die meisten Ratgeber zum Thema Anti-Aging, die Tipps abgeben, wie man dem naturgegebenen, langsamen körperlichen Zerfall aktiv entgegenwirken kann Deepak Chopra, selbstbewusst und sendungsbewusst, lässt verlauten «Wenn Ihnen klar wird, dass Sie hundert Jahre oder länger leben möchten, um Ihr gesamtes schöpferisches Potenzial zu Ausdruck zu bringen, verändern Sie die biochemischen Prozesse in Ihrem Körper». Mit anderen Worten: in Deepak Chopras Verständnis ist Alter reversibel, ist die biologische Uhr nicht nur zu stoppen, sondern sogar reversibel man muss nur das «Wunschalter» festlegen, nach seinen Anweisungen «Schliessen Sie die Augen, achten Sie auf Ihre Atmung und entspannen Sie Ihren ganzen Körper. Wählen Sie nun ein Alter, das bis zu 15 Jahre zurückliegt - Ihr biologisches Wunschalter». Das bedeute, fährt Deepak Chopra fort, dass «Sie über die körperlichen und geistigen Fähigkeiten eines gesunden Menschen dieses Alters verfügen möchten, Ihre Biomarker sollen diesem Alter entsprechen, Sie wollen sich wie ein Mensch dieses Alters fühlen und auch so aussehen. Nehmen wir zum Beispiel an, Sie sind 60 Jahre alt, wählen Sie ein Alter zwischen 45 und 60, sagen wir: Sie entscheiden sich für 49 Jahre, das ist künftig Ihr Biostat, der Bezugspunkt Ihres Bewusstseins», und bereits «nach wenigen Tagen werden Sie immer mehr wie ein Mensch mit Ihrem angestrebten biologischen Alter denken und handeln».
Dieses Buch, auf dem Nachttisch liegend, wird nach und nach die Gewissheit stärken, dass es möglich ist: den Kampf gegen das Altern aufzunehmen. Nach ein paar Wochen, vielleicht, werden sich erste Erfolge einstellen man wird das belastende «chronologische Alter» über Bord geworfen haben, man wird sich auf das einmal festgesetzte «biologische Alter» konzentrieren, und siehe da: die erste Falte ist entschwunden.
Doch dann fällt der Blick auf eine Zeitung.
«ENDE DES JUGENDWAHNS», heisst es da und «DIE ALTEN SIND ZU-RÜCK» , und hat man sich gerade noch gefreut über die leichte Straffung des Pos, muss man auf der Titelseite einer Illustrierten lesen «ABSCHIED VOM JUGEND-WAHN Fit, erfahren und gut drauf: Warum die Generation 50plus wieder gefragt ist», und im betreffenden Beitrag blicken einen vierfarbig lustige Alte an, die zu allem hin noch als «Hoffnungsträger» bezeichnet werden, als Kampfsportler, Student, Schönheitskonigin, Projectmanagerin, Model, Tiefschneefreaks, Skaterinnen, kreuzfidele Alte bei Tisch in einer Wohngemeinschaft . Damit nicht genug selbst das Boulevard nimmt sich dem Thema an, behauptet frech «ALTE HABEN BESSEREN SEX ALS JUNGE», man liest darin das Selbstzeugnis von Elsbeth (63), die berichtet «Wir haben täglich liebevollen Sex. Dass es dreimal in der selben Nacht oder auch mal am Tag passiert, ist keine Seltenheit!» ; und mit einiger Irritation lese ich «DIE MEISTEN ALTEN WÜNSCHEN SICH EIN AKTIVES, PRODUKTIVES DRITTES LEBEN», weil sie sich selbst mit 68 noch nicht alt fühlen .
Also aufhören?
Deepak Chopra mit seinen zehn Schritten in den Müll werfen, Schluss machen mit der inneren Fixierung auf das «Biostat»? Möglichst rasch Falten zulegen, um schleunigst möglichst alt aussehen?
ARBEIT AN SICH Die Irritation dauert nur so lange, bis sich eine Einsicht einstellt: dass diese fitten Alten, die «alt, lebensfroh, konsumstark» dauerkommen, nichts anderes sind als die Projektion dessen, was in der Fachliteratur «Better aging» genannt wird, sie sind die anzustrebende Norm, die Verkörperlichung dieses neuen Typus Mensch, der nicht mehr «alt» wird, sondern in einem sonderbaren Zustand permanenter alterskluger Jugendlichkeit verharrt man könnte ihn als «Hyperager» bezeichnen. Als ein neuer Typus, der jedes Alter transzendiert, der zugleich jugendlich ist wie auch lebenserfahren, er ist forsch geblieben aber auch klug geworden, einer, der sich seine Beweglichkeit bewahrt hat, aber auch etwas Gesetztes an sich hat. Dieser «Hyperager» ist demographisch betrachtet bald in der Überzahl, wird also systematisch umworben von Werbern, von Politikern, und sein Auftritt ist permanent, auf Werbespots, an Fitnessmaschinen, bei Wahlveranstaltungen: die Nikes und das lockere T-shirt stehen für den «Teenager», den er geblieben ist, sein sportlicher Kleinwagen symbolisiert den urbanen Typus «Yuppie», die Yacht im Hintergrund dokumentiert den Erfolg der Mittfünfziger, die Lachfalten im Gesicht stehen für die lebenslang kapitalisierte Lebensfreude und die Falten auf der Stirn sind Ausdruck der gewonnenen Weisheiten.
Es gibt eine Unzahl von Repräsentanten für den Typus «Hyperager», von Sophia Loren über Roger Schawinski zu John F. Kerry und Senta Berger hin zu Adolf Ogi und Mick Jagger so weit geht die normative Kraft des «Hyperager», dass diejenigen, die ganz normal altern, Falten werfen und (verbraucht wie sie sind von harter Arbeit) etwas verkrümmt daherkommen, bereits unter den Schutz politisch korrekter Begrifflichkeiten gestellt werden mussten: nicht «alte» Menschen sind das, sondern «Menschen mit Lebenserfahrung» ; ein besseres Indiz für drohende Diskriminierung als die begriffliche Unterschutzstellung gibt es nicht .
Die Frage also stelllt sich nur etwas komplizierter, als angenommen sie lautet: ob man dereinst zu den erfolgreichen «Hyperagern» gehören will oder zu jenen, denen mitleidvoll «Lebenserfahrung» zugesprochen wird, und da diese Frage rasch beantwortet ist, kann sie weiter gehen, die Arbeit an sich .
Erst mal schauen, wo man steht:
Auf www.anti-aging-und-mehr.de wird gesagt, das «Vorhaben, mit Hilfe einer Anti-Aging Strategie das biologische Alter herabzusetzen, den Körper fitter und schöner zu erhalten, die Häufigkeit von Krankheiten zu reduzieren und somit die Lebensfreude auch in der 2. Lebenshälfte zu bewahren», erfordere zunächst «eine gründliche Analyse der Ausgangssituation». Also ist der «Anti-Aging-Test» zu machen, etwa vierzig Fragen zu Lebensgewohnheiten, zum Stuhlgang, zum Jahreseinkommen, zur Anzahl der Freunde, die man hat, und was da herauskommt, ist eine Zahl: das biologische Alter, so etwas wie eine Zwischennote für die Sorge um sich, eine Benotung des bisherigen Lebensstils je tiefer die Zahl, desto besser (und umso höher ist die zweite Zahl, die ausgespuckt wird: die Lebenserwartung). Durch das Ergebnis des Tests motiviert, stets die «fitten Alten» als Norm vor Augen, im übrigen ausgestattet mit den guten Ratschlägen eines Deepak Chopra und anderen, sollte man sich sodann ans Werk machen, und zwar möglichst bald, und möglichst unter professioneller Hilfe; nichts darf dem Zufall überlassen werden, sagen uns die Experten, denn die Zeit läuft, und sie ist kostbar. Aus den Erkenntnissen der Gerontologie und auch der Gerontopsychiatrie haben wir gelernt, dass das Verhalten im mittleren Alter, also zwischen 35 und 55 entscheidend dazu beiträgt, ob man «erfolgreich altert» «je höher das Leistungsniveau ist, mit dem man einsteigt», sagt der Gerontopsychologe Mike Martin, umso besser sind die Aussich-ten .
Also nichts wie ran.
An der ersten Adresse, in der Anti-Aging-Klinik eines Basler Vorortes, wirkt eine ausgesprochen resolute Ärztin, die im Einklang einem ebenfalls anwesenden, sehr kurzatmigen, übergewichtigen und offensichtlich kranken Vater unerbittlich erklärt, weshalb sie die Verabreichung von Wachstumshormopräparaten für die beste Strategie gegen das Altern hält; und die erklärt auch, sie halte es für einen Skandal, dass der Import von Wachstumshormonen in der Schweiz noch immer verboten sei. So hat man sich das nicht vorgestellt, man sollte nicht einfach gleich die erstbeste Adresse anpeilen, nur weil da «Anti-Aging» versprochen wird. Durch Schaden klug, wird das Internet konsultiert und erkann: die Auswahl ist riesig. Eine erste Übersicht zeigt, dass bei Ärztinnen und Ärzten ein Trend unübersehbar ist neben der normalen ärztlichen Tätigkeit noch ein «Anti-Aging»-Angebot zu führen; auch Fitnessclubs spezialisierien sich zunehmend auf «Anti-Aging» , und schliesslich führen traditionelle Kurhäuser und Kurbäder immer mehr «Anti-Aging»-Leistungen in Katalog.
Einer der ersten, der in der Schweiz ein professionelles «Anti-Aging»-Zentrum aufgebaut hat, ist Fiorenzo Anghern, ein nicht sehr grosser, schnauzbärtiger Mann in den Fünfzigern; seine Klinik «Piano» liegt am Rande des Stadtzentrums von Biel, das Schild am Eingang ist Programm: «Swiss Health & Life Extension Institute», es geht um Gesundheit und lebensverlängernde Massnahmen. Fiorenzo Angehrn, eigentlich Chirurg und Spezialist für Venenleiden, zeigt seine Klinik, den Operationssaal, in dem er vor allem Krampfadern operiert, die drei kleinen Krankenzimmer, die verschiedenen Behandlungsräume, schliesslich den grossen Raum gleich beim Eingang, der fürs «Anti-Aging» reserviert ist, für dieses Versprechen auf der Homepage «Keine körperlichen Einschränkungen, keine dunklen Schatten über der Seele, keine Grenzen, ungebunden und frei.» Auch hier, vor Apparaten wie «Robocat 2», dazu da, die Qualität der Ernährung des Patienten zu messen, oder vor dem Testgerät für die Lungenfunktion, also bei jedem der hier installierten diagnostischen Apparaturen wird klar, dass «Anti-Aging» vor allem eines ist: ein ständiger Aufruf zur harten Arbeit an sich selbst, und der Erfolg wird permanent mit unbestechlichen medizinischen Instrumenten gemessen, überwacht, beurteilt. Jedenfalls macht Fiorenzo Anghern mit seiner ruhigen, überlegten Art klar, dass nichts gratis zu haben ist, wenn man das Ziel dieser «prophylaktischen Medizin» ernst nimmt, nämlich «die sinnvolle Anwendung aller Möglichkeiten, um die körperliche, physische und psychische Integrität möglichst lange, bis ins hohe Alter zu bewahren» :
Das Essen radikal umstellen auf gesunde Kost, möglichst Dinner Canceling also Verzicht aufs Abendessen, damit in der Nacht die schädlichen, sogenannten «freien Radikalen» abgebaut werden können; weitgehender Abbau von Stress, weil Stress ebenfalls schädliche Stoffe aussetzt, am besten ist es, nach einem ruhigen, regelmässigen Rhythmus zu leben; körperliche Fitness gehört selbstverständlich, dazu, beinhaltend Muskelaufbau, Ausdauer dann auch wenig Alkohol, keine Raucherwaren, vor allem: ein Streben nach Glück und Erfüllung, weil Glücklichsein ebenfalls «gute Hormone» aufbaut und das Immunsystem stärkt wer also einsteigt ins «Anti-Aging», steigt ein in eine «hochdifferenzierte, moderne Disziplin der Medizin», die all diese Massnahmen begleitet in Form von «Ernährungsprogrammen zur Verhinderung der Summation fatal wirkender Fehler», weiter mit «Sportprogrammen zur Verhinderung der chronischen Bewegungsarmut», dann auch «mentales Training, damit Sie bis ins höchste Alter Höchstleistungen erbringen können», im übrigen «Entgiftungstherapien» und «Hormonförderungstherapien» bis hin zur «Totalen Hormonersatztherapie» mit Einschluss der «Überwachung von Risikoparametern» .
Man sagt auch: Eigenverantwortung
Beat Fitz, Geschäftsführer des «ganzheitlichen Anti-Aging-Zentrum Basel» (gaaz) weist in seiner Präsentation immer wieder auf dies «Eigenverantwortung» hin. Der sportliche, grossgewachsene Sportinstruktor, blättert Folie um Folie um, beschreibt, was dereinst in etwa 15 bis 20 Standorten in der Schweiz nach einem «standardisierten Verfahren» (das im Franchise-System verbreitet wird) zur Verfügung stehen wird : ein hochdifferenziertes System zur Feststellung des «biologischen Alters» mit anschliessenden «modularen Angeboten» zu Preisen zwischen 100 und 1950 Franken, von der Faltenbehandlung mit Laser bis hin zum kompletten Gesundheitscheck. Die angestrebten «gaaz»-Zentren im In- und Ausland werden mit einer zentralen Datenbank untereinander vernetzt, die gesrpeicherten (anonymisierten) Daten sollen verwendet werden, um die medizinischen Daten der betreffenden Patienten ständig mit anderen derselben Altersgruppe sowie den früheren, eigenen Patientendaten zu überwachen.
«Da ist man doch sehr nahe bei der strengen Disziplinierung», fragte ich Beat Fitz.
«Das ist richtig, aber so lange alles im Bereich der Freiwilligkeit geschieht, sehen wir da kein Problem. Wir verstehen das nicht als Zwang, wir haben ja auch den Satz "Enjoy your age" als Motto für unsere Arbeit gewählt, weil wir meinen, man solle das eigene Alter in diesem Sinne auch geniessen können».
Die «Arbeit an sich» wird von den «Anti-Aging»-Promotoren gesehen als ein gewichtiger Beitrag zur individuvellen, gesundheitlichen Prävention; aber ebensogut kann die «Arbeit an sich» im Rahmen des «Anti-Aging» verstanden werden als ein weiteres Fortschreiten der Disziplinierung, als subtiler, weit um sich greifender eines Aufruf zur möglichst frühzeitigen Erhaltung der Gesamtheit der Körperfunktionen auf hohem Niveau. Die «reizbare Maschine» Mensch, die seit dem 18 Jahrhundert längst in einen Diskurs der «Selbstregulation» eingebunden ist , einem «Souci de soi» , wird einem den medizinischen Geboten gehorchendem «Gesamtprogramm» unterworfen, einem fortlaufenden, mit jedem neuen Test wieder einsetzenden «Benchmarking» , also einem Vergleich mit Gleichaltrigen, mitsamt einer kompletten, regelmässigen Überwachung der Körperfunktionen, die ständig unter den Vorgaben von Optimierung, Verbesserung, Steigerung steht. Das «Anti-Aging» ist eine Form der medizinischen Praxis, die zum ständig präsenten, medial inszenierten «Hyperager» hinführen soll und als diskursive Praxis ist «Anti-Aging» ein Ort gesellschaftlichen Aushandlungsprozesse über normative Vorstellungen von Alter und Gesundheit.
VIAGRA UND MEHR Der Diskurs ist allumfassend, er lässt die Falten ebensowenig aus wie den Hormonstatus, er thematisiert das Problem der Cellulitis ebenso wie das Auftauchen und Verschwinden der freien Radikalen. Genau dort, in den tiefen Geheimnissen der Physiologie, die mittels «Anti-Aging» nun beeinflusst und zum Besseren hin gesteuert werden sollen, setzen die tausende Präparate an, die dieses eine Versprechen zu erfüllen vorgeben: gesund bleiben, nicht altern, oder wenn schon, dann beträchtlich langsamer.
Sie heissen «aeon 3600», ein Wachstumshormon, oder «Amino Rx», ein «ultraschnelles Wachstumshormon», beides sind weit herum bekannte Produkte im nicht immer legalen Markt der «Anti-Aging»-Medikamente. Die Werbetexte im Internet empfehlen «Nehmen Sie Secretagogue-One, eine einzigartige Mischung von A-minosäuren und Nahrungsmittelzusätzen, die erwiesenermassen die körpereigene Produktion des menschlichen Wachstumshormons fördert - Secretagogue-One ist Ihre beste Waffe gegen das Altern», andere schreiben vollmundig «Nehmen Sie IL13-PE38QQR - im Tierversuch wurde erwiesen, dass dieses experimentelle Medikament den Wachstum von Tumoren stoppen kann». Wer will, kann sich heute per Internet ein buntes Medikamentencocktail zusammenstellen, mit Produkten, deren Wirksamkeit in nicht immer in einem staatlichen Prüfverfahren festgestellt worden ist.
Das Programm dieser medikamentösen Therapien heisst «enhanced logevity», «forcierte Langlebigkeit», und deren Promotoren stützen sich auf eine Reihe von Erkenntnissen, unter anderem aus der Gentechnik. Sie weisen darauf hin, dass durch genetische Manipulationen das Leben von Mäusen, von Fliegen und Würmern tatsächlich drastisch verlängert worden ist, und es gibt Wissenschaftler, die sagen, es sei möglich, auch das Leben des Menschen zu verlängern, um das eineinhalbfache, um das doppelte Vorstellungen, die heute in durchaus anerkannten wissenschaftlichen Vereinigungen ernsthaft diskutiert werden. Längst sind die Zeiten vorbei, als die Profession des «Anti-Aging» nicht mehr darstellte als eine belächelte Nische der Medizin. Die Medizinerinnen und Mediziner, die sich dem Anti-Aging verschreiben haben sich in wissenschaftlichen Akademien zusammengeschlossen, es gibt wissenschaftliche Kongresse zum Thema, es gibt ein Journal of Anti-Aging Medicine, und in den USA beschäftigen sich staatliche Institute wie das National Institute on Aging mit dem Phänomen des Anti-Aging.
Wer von San Francisco aus auf dem Highway 101 nordwärtws fährt, sieht nach etwa 30 Meilen, auf einem Hügel, ein markantes, modernes Gebäude: das Buck-Institute.
«We are changing the process of aging» - unter diesem Motto arbeiten am Buck-Institute weltweit führende Wissenschaftler unter einem Dach, multidisziplinär, vernetzt, ehrgeizig. Eine riesige, transparente Eingangshalle führt zu den Abteilungen, zu den Laboratorien; dort sitzen sie, die Forscherinnen und Forscher, die diesem einen Geheimnis auf der Spur sind: warum unser Körper zerfällt, warum wir mit zunehmendem Alter anfällig werden für Krankheiten, warum bestimmte Krankheiten erst im Alter auftreten . Liza Ayrbee zum Beispiel, die zu Chorea Huntington forscht, eine unheilbare Erbkrankheit, bei uns gemeinhin unter der Bezeichnung Veitstanz bekannt ist und im Alter von vierzig bis fünfzig Jahren auftritt. In ihrem kleinen Büro, umgeben von dicken Wälzern, erklärte mir Liza Ayrbee, von welchen Grundannahmen ihr Laborato-rium ausgeht:
«Wir glauben, dass die Verhinderung von Alterungsprozessen auch zu einer Verhinderung derjenigen Krankheiten führen wird, die mit dem Alter zusammenhängen.»
«Wer den Alterungsprozess verlangsamt, verhindert also auch die Entstehung von Alterskrankheiten?», fragte ich.
«Ja. Bei neurodegenerativen Krankheiten wie Chorea Huntington geht mein Laboratorium davon aus, dass toxische Proteine, die von den genetisch defekten Genen hergestellt werden, zur Zerstörung von Nervenzellen im Gehirn führen. Um solche Fragen geht es uns hier am Buck-Institute. Wenn es uns gelingt zu verstehen, wie wir altern, dann halten wir auch den Schlüssel in der Hand, um diese Krankheiten zu bekämpfen».
Das Buck-Institute, weltweit das grösste und renommierteste private For-schungsinstitut zum Thema Altern, zieht Forscherinnen und Forscher aus der ganzen Welt an. Forscher wie Brad Gibson, der auf der molekularen Ebene untersucht, inwiefern Stress dazu führt, dass im Körper schädxliche Oxydationsprozesse ablaufen, oder Allison Peel, die an Alzheimer forscht und überzeugt ist, sie werde einen Weg finden, um mit gezielter Gentherapie die sterbenden Zellen im Gehirn wieder in Gang zu setzen sie wies im Gespräch auch darauf hin, dass ein erhöhter Cholesterinspiegel und die Entwicklung von Alzheimer irgendwie zusammenhängen könnten. Einer wie Harald Frankowski, den jungen Postgraduate-Forscher, der mir von seinen Forschungen an einem Wurm erzählte, an C. elegans, ein zwei Milimeter langer, durchsichtiger Wurm, der zum Lieblingsobjekt der Altersforscher geworden ist Harald Frankowski hat eine wichtige Entdeckung gemacht, die er demnächst in einer renommierten Wissenschaftlichen Zeitschrift publizieren will.
Rund 140 Forscherinnen und Forscher sind es, und es werden laufend mehr, ein Anbau ist bereits geplant. Die grosse Herausforderung am Buck Institute besteht darin, die verschiedenen Stränge, die verschiedenen Forschungsansätze zu einer Gesamtschau zu verbinden. David Greenberg, sowohl Leiter der Abteilung Spezielle Forschungsprogramme wie auch Leiter einer eigenen Forschungsgruppe, die sich mit dem Hirnschlag beschäftigt, sagt, er versuche «zu bündeln, Gemeinsamkeiten in diesem Prozess der Alterung herauszufinden, zu verstehen, was die einzelnen For-schungsgruppen an grundlegenden Erkenntnissen herausgefunden haben.»
«Sind Sie in der Lage, das Altern zu verstehen?», fragte ich.
«Nein. Vieles verstehen wir überhaupt noch nicht - da gibt es die Theorie, die besagt, durch chemische Reaktionen würde die Art, wie die Gene die Proteine an die Zelle abgeben, beeinflusst, es komme, meinen die Vertreter dieser Theorie, zu einer Art Verschlechterung der Proteinherstellung. Das ist ein Ansatz, den wir verfolgen, aber nur als einer unter vielen.»
«Wird eines Tages das Alter zu einer heilbaren Krankheit?»
«Wenn damit gemeint ist, man werde eines Tages altersbezogene Krankheiten heilen können, dann ist dieser Gedanke richtig. Aber wenn man glaubt, man könne nun irgendeines Tages die Uhr anhalten oder zurückdrehen, man werde in absehbarer Zeit zweihundert Jahre alt werden, dann ist das doch sehr unwahrscheinlich.»
Die Forscherinnen und Forscher am Buck-Institute arbeiten noch mit Hypothesen, mit Theorien. Eine Theorie lautet: wir altern, weil die Telomere in unseren Zellen immer kürzer werden - bei unserer Geburt sind sie 10'000 Basenpaare lang, im Alter von 100 Jahren aber nur noch 5'000 Basenpaare; die Verkürzung der Telomere konnte im Tierversuch durch die Zugabe von Telomerase kompensiert werden. Eine weitere Theorie: wir altern, weil mit zunehmendem Alter die Zirbeldrüse weniger Melatonin produziert; Melatonin aber ist, so diese Theorie, ein unabdingbares Mittel, um die Zellregulierung positiv zu beeinflussen. Noch eine Theorie: dass wir altern, weil sogenannte hochreaktive Radikale unsere Zellen, unsere Zellmembranen und die Proteine schädigen; einige dieser Radikale wirken als Oxydantien und werden möglicher-weise durch Stress hervorgerufen.
Der Markt der Muntermacherpillen, der bunten Antioxidantien und Wachs-tumshormone lebt davon, dass die Konsumenten an die eine oder an die andere Theorie glauben. Für sie war bis vor kurzem noch unvorstellbar, dass ein Medikament eine altersbedingte Funktionsstörung einfach so, auf einen Schlag aufheben könnte, doch seit es Viagra gibt, ist alles anders. Viagra ist der Beweis, dass es möglich ist ein Instantmittel gegen Erektionsprobleme. So gesehen ist die Potenzpille das erste marktfähige, sichtbar wirksame «Anti-Aging»-Medikament, ein «Mun-termacher», der den Vorteil besonderer Anschaulichkeit besitzt: aus einem schlaffen Glied wird ein hartes, erigiertes , ein sexuell «benachteiliger» Mann verwandelt sich dank Viagra zum sexuell potenten. Der Erfolg von Viagra erklärt sich auch damit, dass das Medikament auch gleich noch mit einer Reihe sozial relevanter Probleme aufräumt. Die wiedergewonnene «Fähigkeit, den Partner zu befriedigen» bedeutet wiedergewonnenes «Selbstbewusstsein» bedeutet wiedergewonnene «Beziehungsfähigkeit».
NEVERAGE CYBORG Während Viagra die Phantasie von der Wiederherstellung unendlich vieler körperlicher Funktionen beflügelt hat (und noch immer beflügelt), also in gewisser Hinsicht die Träume von einer ständigen physiologischen Reparatur des «Neveragers» inspieriert, gibt es auf der anderen Seite handfestere, organische, eigentlich mechanische Ansätze zur Erhaltung der vitalen Funktionen: die gesamte Palette der plastischen Chirurgie, vor allem aber der Organtransplantationen mitsamt dem Ersatz von Organen durch technische Artefakte.
Der Ersatz defekter Organe durch Spenderorgane, der nach der Einführung des Hirntodes als massgebliches Todeskriterium Ende der Sechziger Jahren sowohl seine praktisch-medizinische wie auch ethische Rechtfertigung erhielt , gehört heute zum klinischen Alltag und erlaubt (sofern ein Ersatzorgan verfügbar ist und postoperativ keine Komplikationen auftreten) die Aufrechterhaltung der Lebensfunktionen auf viele Jahre hinaus. Man kann heute ersetzen: Herz, Lunge, Leber, Niere, Haut, Hände, Füsse, Knochenmark, Knorpel. Sollten sich die Verheissungen der Stammzelltechnologie dereinst erfüllen, würde sich diese Liste noch erheblich verlängern; praktisch jedes Organ könnte (so das erklärte Ziel der Stammzelltechnologie) durch entsprechend programmierte Stammzellen ersetzt werden, und zwar ohne das Risiko von Abstos-sungen wie bei den heutigen allogenen Transplantaten.
Bereits hat sich eine europaweit tätige Firma, die Vita34 mit Sitz in Berlin, ganz auf die Konservierung des Nabelschnutbluts bei Neugeborenen spezialisiert. Nabelschnurblut enthält besonders viele der wertvollen, sogenannt pluripotenten, also sehr anpassungsfähigen Stammzellen, und seine sichere Konservierung soll, so verspricht es «Dr. Marion Bartel, Fachberaterin bei VITA 34» auf der Homepage www.vita34.de, eine Art Lebensversicherung sein. Marion Bartel lässt verlauten, dass es für sie «als Stammzellexpertin und als werdende Mutter» ganz klar sei, dass sie das Nabelschnurblut ihres Kindes einlagere, denn «Nabelschnurblut enthält NUR zum Zeitpunkt der Geburt eine Vielzahl von wertvollen Zellen, die das Leben bewahren können. Nabelschnurblut wird schon heute bei der Krebsbehandlung eingesetzt. In Zukunft können damit nach Meinung von Wissenschaftlern auch Erkrankungen von Geweben und wichtigen Organen wie Gehirn und Herz behandelt werden.» Bereits 22'000 Elternpaare hätten, so die firmeneigenen Angaben, das Nabelschnurblut ihrer Kinder bei Vita34 deponiert ein «klarer Vertrauensbeweis», meinen die Leute von Vita 34.
Aber das Konservieren des Nabelschnurbluts beinhalten auch ein Bekenntnis zum medizinischen Fortschritt; denn diejenigen, die sich den Luxus leisten, die Stammzellen ihrer Kinder für bares Geld einlagern zu lassen, glauben tatsächlich daran, dass dereinst die biotechnischen Verfahren in der Lage sein werden, praktisch alle Organe durch stammzelleninduzierte Kopien zu ersetzen.
Damit schliesst sich der Lebenskreis, und wir stünden am Anfang einer neuen Anthropologie, die alte Menschen befähigen würde, sich selber aus den Zellen der eigenen Nabelschnur permanent zu reparieren und zu erhalten; eine reproduktive Medizin, die den Akt der Geburt mittels Stammzelltechnologie auf sehr lange Zeit hinaus performiert, aufbauend auf dem biologischen Potenzial der Stammzellen. Der «Neverager» wird zu einem Produkt seiner eigenen Stammzellen, seines eigenen Nabel-schnurbluts.
Doch auch die Technik macht vieles möglich.
Der «alte» Körper ist längst zum Tummelfeld neuer und neuester Technologien geworden, vom miniaturisierten Hörgerät zur künstlichen Retina, von der künstlichen Linse hin zum künstlichen Hüftgelenk, nicht zu vergessen der Herzschrittmacher, die künstlichen Herzklappen, das mechanische Herz, die vollautomatische Insulinpumpe, das künstlichen Kniegelenk und so weiter. Eine eigentliche «Cyborgisierung» des alten Körpers hat stattgefunden, die Körper der alten Menschen sind zum Experimentfeld geworden für den Einsatz immer neuerer Artefakte, die im Schnittbereich des Biologischen und des Technischen zum Einsatz kommen am Ende im Dienste immer weiterer Lebensverlängerung und dem Erhalt der Lebensqualität ad infinitum.
AD INFINITUM Die Grenze, sagt die Altersmedizin voraus, liegt bei zirka 120 Jahren, auf diese Zeit hinaus scheint das Leben des Menschen maximal verlängerbar, zumindest nach dem heutigen Stand des Wissens. Doch wie soll dereinst gestorben werden, wenn alle Massnahmen angewandt worden sind, vom «Anti-Aging» hin zum stammzelleninduzierten Organerseatz hin zum technischen Ersatz von Organen? Wie stirbt der «Neverager»? Nicht mehr so wie heute, sagen die Experten voraus, anders. Irgendwie so, wie es Fiorenzo Anghern, formulierte, dass man dann stirbt «wie ein gut geölter, gut gewarteter Motor eines Autos, der eines Tages ganz einfach kollabiert und irreparabel kaputt ist».
Auch von solchen Fragen ist einer heute betroffen, wenn er über vierzig ist, wenn die Falten um die Augen sich nicht mehr wegdiskutieren lassen mit Hinweis auf eine Eskapade am Vorabend, und am Bauch tut sich eine kleine Wölbung hervor mit dem antiquierten Namen Embonpoint.
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